Leider interessieren Minderheitenthemen erst, wenn sich die große Schlagzeile bietet
Ein Gespräch mit Martha Stocker, Vize-Präsidentin der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen, über Minderheitenberichterstattung und ob der 60. Geburtstag ihrer Vereinigung wirklich ein Grund zum Feiern ist?
Frau Stocker, sie sind seit 2004 Vizepräsidentin der FUEV – also gleich lange, wie es die Sendung minet gibt – wie wichtig sind Minderheiten-Medien die immer wieder Minderheitenthemen aufgreifen.
Vor allem mit Blick auf europäische Minderheitenthemen ist eine qualifizierte Berichterstattung wichtig – nur in seltenen Fällen finden sich in den Medien gute und vor allem gut recherchierte Berichte zum Thema Minderheiten. Daher auch eine Gratulation an die Sendung „minet“ zum Jubiläum.
Im letzen Jahr gab es einen Nationalitätenkongress der FUEV mit dem Titel „Grundrecht auf Medien“. Wie steht es diesbezüglich bei den europäischen Minderheiten?
Die Untersuchung der FUEV, die wir gemeinsam mit dem Mercator-Institut aus Wales durchgeführt haben, zeigt deutlich, dass sich auf europäischer Ebene ein sehr heterogenes Bild zeichnet. Einige Minderheiten sind sehr gut ausgestattet, haben eigene Tageszeitungen, Rundfunk, und TV. Andere Minderheiten stehen ganz am Anfang. Wichtig sind hier die Netzwerke auf europäischer Ebene – im Zeitungsbereich gibt es die MIDAS, als Zusammenschluss der Minderheiten-Print-Medien. Hier könnte man sich sicher auch Kooperationen von anderen Medien-Gattungen vorstellen. Neue Vernetzungs- und Kommunikationsstränge werden das Medien-Bild der Zukunft prägen; hier sollten die Minderheiten investieren und frühzeitig an den Start gehen.
Minderheitenthemen interessieren häufig nur die Minderheiten selbst. Wie kann man dennoch die breite Themenpalette an Minderheitenthemen einer breiten Mehrheit schmackhaft machen?
Leider interessieren Minderheitenthemen erst, wenn sich die große Schlagzeile bietet. Aber das haben unsere Minderheitenthemen mit so vielen anderen gesellschaftlichen Fragen gemein. Minderheitenthemen sind immer komplexe Themen, die Recherche und Einfühlungsvermögen voraussetzen. Wir wissen alle, dass die Arbeitsbedingungen der Journalisten und Journalistinnen immer schwieriger werden und für „komplizierte“ Themen wenig Zeit bleibt – es ist eine qualitative, journalistische Herausforderung und eine Ressourcenfrage zugleich.
Die FUEV feierte in diesem Jahr ein rundes Jubiläum. Was hat sich in den letzten Jahren im Bezug auf Zusammenarbeiten mit der Europäischen Union getan? Es gab doch Fortschritte?
Die FUEV ist nunmehr 60 Jahre jung, hat 86 Mitgliedsorganisationen in 32 Ländern. Ich denke wir sind als FUEV auf gutem Weg als professioneller, zivilgesellschaftlicher Vertreter der europäischen Minderheiten anerkannt zu werden. Dass wir unser Jubiläum teilweise im Europäischen Parlament und im Ausschuss der Regionen feiern konnten und das mit rund 200 Teilnehmer/innen, ist ein großer Erfolg. Ehrlich gesagt sind Minderheitenschutz und -förderung auf europäischer Ebene rückläufig. Die neuen EU-Staaten sind Mitglieder der Gemeinschaft geworden und nichts verpflichtet sie mehr, die erreichten Minderheitenstandards, die für eine Aufnahme in die Union verpflichtend waren – auch weiter aufrecht zu erhalten. Auch in eigenen „alten“ EU-Staaten ist es um die Frage der Minderheiten schlecht bestellt.
Also kein Grund zum Feiern?
Der neue EU-Vertrag bietet hier vor allem mit dem Artikel 2 und der expliziten Nennung der Minderheiten eine neue Möglichkeit. Doch es wird erst die konkrete Politik der nächsten Kommission Barroso zeigen, wie ernst es mit den Minderheitenfragen gemeint ist. Wir haben gemeinsam mit dem Europäischen Parlament im vergangen Jahr ein Dialogforum etabliert, das im Rahmen des FUEV-Kongresses in Brüssel erstmals öffentlich im Parlament getagt hat. In dem Dialogforum wird der Kontakt zwischen den Minderheiten und den Entscheidungsträgern strukturiert und gemeinsam an konkreten Fragen und langfristigen Strategien für die Minderheiten gearbeitet.
Wie stark wird die Jugend in die Themen Minderheiten und Europa eingebunden. Man hatte bei früheren FUEV-Kongressen den Eindruck, die Organisation ist mit ihren Mitgliedern gealtert.
Ich kann nicht wirklich beurteilen, wie es in den 80er und 90er Jahren bei der FUEV ausgesehen hat. Mein gegenwärtiger Eindruck ist allerdings, dass die Jugend das Bild unserer Organisation wesentlich mitprägt. Viele der inhaltlichen Ansätze, die wir strategisch verfolgen, kommen als Anregungen aus der Jugendorganisation.
Wie sieht es mit den Minderheiten des ehemaligen Ostblocks aus, beispielsweise die von der FUEV jüngst aufgenommenen Aromunen? Wie konnten sich diese integrieren? Wie wichtig war für diese Minderheiten ein Netzwerk wie die FUEV?
Die FUEV hat nach 1989 ihr Gesicht maßgeblich verändert. Zu einem „West-Klub“ mit wenigen Mitgliedern, sind sehr viele neue Mitglieder beigetreten – unter anderem auch die Aromunen, die sich sehr engagiert an unserer Arbeit beteiligen. Der FUEV-Präsident hat im vergangenen Jahr auch an mehreren Veranstaltungen der Aromunen teilgenommen. Wir haben aber auch Mitglieder aus Sibirien, Kasachstan, Kirgisien oder Georgien. Das zeigt deutlich, wie breit der Spagat unserer Arbeit in der FUEV sein muss – nicht nur geographisch, sondern auch inhaltlich.









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